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Wie denkt man „outside the box“? Wie funktionieren exponentielle Geschäftsmodelle? Wie können wir uns in Deutschland für die digitale Zukunft rüsten? Exklusiv für OPTIC+VISION erklärt Dr. Uve Samuels, Vordenker und Experte für disruptive Innovation, wie Kreativität im digitalen Zeitalter funktioniert – und warum „Purpose“ der große Erfolgsfaktor ist.

OPTIC+VISION: Erklären Sie, wie Disruption funktioniert.

Dr. Uve Samuels: Disruption geschieht, wenn bestehende Strukturen von neuen Technologien abgelöst und völlig überflüssig werden. Ein Beispiel aus der Welt der Musik: Es gab den Entwicklungssprung von der Schallplatte zur CD. Er war enorm – und doch nur eine lineare Fortsetzung des Bestehenden. Durch die MP3 und das Streaming geschah die Disruption. Musik kommt per Datentransfer direkt auf mein Endgerät, also brauche ich keinen physischen Tonträger mehr. Plötzlich sind die Fabriken, die CDs herstellen überflüssig, die LKWs, die sie transportieren, die analogen Läden, in denen sie verkauft wurden.

Dr. Uve Samuels ist Experte für exponentielle Innovationen und Geschäftsmodelle.

Durch die digitale Transformation sind in fast jedem Lebensbereich ähnliche Veränderungen zu erwarten, die durch eine Entmaterialisierung ins Digitale stattfinden. Denn es gibt Innovationsführer, die systematisch daran arbeiten. Die Disruption passiert nicht zufällig, sondern ist Folge eines gezielten und methodischen Vorgehens von Menschen, die danach suchen. In Deutschland sind wir leider nicht auf dieser Suche. Deshalb sage ich: Wir haben entschieden, uns von den anderen digital transformieren zu lassen – nämlich den Tech-Riesen aus USA und China – statt selbst Treiber von Innovationen zu sein. Die Tragweite dessen ist vielen nicht bewusst.

Warum ist das ein Problem?

Weil diese Konzerne in Zukunft die Datenmacht besitzen werden – über unsere Gesundheit, unser Konsumverhalten und unser ganzes Leben – und sie völlig andere Werte vertreten, als wir. Deshalb engagiere ich mich sehr, um Mitstreiter für die „Hanse digital“ zu gewinnen, eine von mir gegründete Initiative, die sich als „Vertrauensplattform“ versteht. Europa braucht eine eigene digitale Handelsplattform, um wieder eine Unabhängigkeit von den Plattformen der USA und aus China zu erreichen. Dies ist wichtig, damit unsere zentralen Werte von Demokratie, Sozialstaatlichkeit, Nachhaltigkeit und Datensouveränität in die neue Zeit übertragen werden. Hamburg ist dafür der ideale Standort – denn hier befinden sich Otto.de und wlw.de (Wer Liefert Was) – Europas einzige Konkurrenten von Amazon und Alibaba.

Warum hinkt Deutschland in Sachen Zukunftstechnologie hinterher?

Das Bildungswesen spielt da eine ganz entscheidende Rolle. Unsere Mentalität hat bisher verhindert, dass innovatives Denken in unser Bildungssystem integriert wurde und politisch gefördert wird. Weil wir nicht in Parametern der Zukunft denken, kommt unsere Imagination nicht über die Gegenwart hinaus, die wir grundsätzlich für perfekt halten … Das ist der Denkfehler, der unsere Kreativität killt und unsere Möglichkeiten beschränkt! Schon Einstein empfahl: Denke 20 Prozent deiner Zeit anders als alle anderen. Statt die 5G-Technologie von anderen zu kaufen, hätten wir beschließen können, die anderen zu überflügeln und in Deutschland ein „6G“ oder „7G“ zu entwickeln. Solche Visionen hat jedoch niemand bei uns, weshalb unsere besten Vordenker ins Silicon Valley und nach Asien abwandern.

Wie denkt man in China über Digitalisierung?

China hat nicht nur ein Entwicklungszeitalter übersprungen, es ist auch ein Land der Spieler. Spielen ist so tief in der Mentalität der Chinesen verwurzelt, dass sie ganz leicht von einer Idee ins Machen kommen. Sie probieren einfach so lange herum, bis eine Sache funktioniert. Deshalb ist auch WeChat, (die größte App Chinas, die von Banking bis Messenger alles kann), eigentlich ein Spiel. Alle anderen Funktionen wurden daran angedockt. Allein anhand der Reaktionen und des Konzentrationsverhaltens im Spiel gewinne ich enorm viele Daten über den Nutzer, seine Gesundheit und seine geistige Fitness.

Das Phänomenale an China ist die Perfektion und die Entwicklungsgeschwindigkeit der Technologien und die Offenheit, mit der die Menschen damit umgehen – jedoch gepaart mit dem Umstand, dass sie vom Regime dazu gezwungen werden, all ihre Daten preiszugeben, denn nur so erhalten sie Zugang zu Bildung und Kultur. Sie sind gläserne Bürger in Perfektion. Deshalb bin ich sicher: Da rollt etwas unvorstellbar Großes auf uns zu. Und deshalb dränge ich so sehr auf eigene digitale Lösungen, die Datenschutz, Freiheit und europäische Werte in den Mittelpunkt stellen. Es wäre leicht, sie am Markt zu positionieren.

Wie wurden die USA zum Innovationsführer?

In den USA gibt es zwei Orte, die Bildung neu definiert haben – das MIT in Boston und die Stanford University als Treiber des Silicon Valley. Ihr innovatives Denken war der Magnet, der Investoren anzog, die mit den Absolventen Start-ups gründeten. Denn diese Leute lernen in interdisziplinären Projekten „Design-Thinking“ und können damit völlig neue Produkte entwickeln. Alle Herausforderungen unserer Welt sind schließlich interdisziplinär, nicht wahr? Deshalb macht es Sinn, wenn Experten verschiedener Bereiche zusammenarbeiten und dabei agile Methoden nutzen. So können sie im ständigen Austausch mit den Usern von deren Bedürfnissen lernen. Und in Silicon Valley sagt auch niemand „Nein!“, wenn du behauptest, dass 2+2=5 ist. Sie würden stattdessen erforschen, unter welchen Umständen das zutrifft. Sie versuchen Gesetzmäßigkeiten und Muster jenseits des Altbekannten zu entdecken. Und sie haben herausgefunden, wie man exponentiell wachsende Geschäftsmodelle konzipiert. Denn dafür gibt es bestimmte Voraussetzungen.

Wie funktionieren solche Unternehmen?

Das erkläre ich in meinem Buch „Exponentielle Geschäftsmodelle“. Mit Hilfe von fünf entscheidenden Kriterien könnten wir auch in Deutschland exponentielles Wachstum erzeugen. Wenn unsere Konzerne diese Ideen anwenden würden, wäre das sensationell. Sie haben eine viel stärkere Ausgangsposition als die Start-ups in den USA und könnten noch mehr Erfolg erzielen.

Was sind die fünf Faktoren?

Der erste Faktor ist „Purpose for greater good“. Du musst mit der Mission antreten, die Welt und die Gesellschaft zu verbessern. Sollte dies nicht der Fall sein, wirst du lediglich linearen Erfolg erleben, aber kein exponentielles Wachstum.

Der zweite Faktor heißt „agile Methoden“. Du musst dich freimachen von allen hergebrachten Abläufen und wirklich dem Kunden dienen, statt dem Chef. (Also das Gegenteil von hierarchischem Denken.)

Drittens entscheidet „Open Innovation“. Das heißt, du musst dein Business vernetzen und eine Plattform werden, mit der andere zusammenarbeiten wollen. Dies wird möglich, wenn du deine Ideen offenlegst und damit Weiterentwicklung anstößt.

Viertens zählt Entrepreneurship. Du musst neue Märkte erobern und angreifen wollen, die es vorher nicht gab. Dazu braucht es entschlossenes Voranstreben, welches man übrigens lernen kann.

Fünftens brauchst du disruptive Technologie als Pfeiler deines Erfolgs. Das heißt, Expertise in KI, Blockchain, Internet of Things, Virtual Reality, 3D-Druck oder Robotik. Sobald diese fünf Elemente ineinandergreifen, wird exponentielles Wachstum möglich.

Wie wird die Zukunft der Augenoptik aussehen?

Die Optik gehört zum medizinischen Bereich. Deshalb wird es in Zukunft darum gehen, Daten durch Augenscans zu generieren, die dann wiederum mit Millionen anderen Daten verglichen werden, um Tendenzen daraus abzulesen. In der Medizin läuft in Zukunft alles darauf hinaus, dass anhand eines einzigen MRTs oder CTs umfassende Gesundheitsprognosen und Empfehlungen für einen Menschen erstellt werden. Auch die Frage, wie gut ich sehe, ist im Langzeitverlauf ein Indikator für meine Gesundheit. Entscheidend wird sein, wer diese Daten erhebt und verwaltet, denn dorthin wird in Zukunft das Geld fließen. Außerdem gehe ich davon aus, dass der klassische Sehtest per Virtual Reality automatisiert wird und ich ihn durch eine sprachgesteuerte App bald alleine durchführen kann. Brillen werden immer billiger werden.

Was kann der Tradi tun, um relevant zu bleiben?

Seine Chance steckt in der Individualisierung. In einer Welt, wo alles transparent und vergleichbar ist, muss ich mich durch bestimmte Marken, Dienstleistungen und Zielgruppen positionieren, die es nicht an jeder Ecke gibt. Und da sind wir wieder beim Purpose: Denn möglicherweise liegt mein einzigartiger USP in einer Spezialisierung, die jenseits meines Kerngeschäftes Menschen erreicht. Allein Mainstream-Produkte, Preisvorteile und Service reichen nicht mehr. Die Lösung lautet: Nische, Zusatzangebote und Purpose.

Capellini-Lounge Hamburger Ding. Foto: Home United

Wir befinden uns hier im „Hamburger Ding“, einem sehr kreativen Ort. Können Sie unseren Lesern mal erklären, was hier passiert?

Das „Hamburger Ding“ versteht sich als eine Bildungs- und Begegnungsstätte der Zukunft, mitten auf der Reeperbahn in St. Pauli. Es ist nicht nur Coworking-Space und Eventlocation für Businessmeetings und Partys, sondern auch einzigartig offen für die digitale Zukunft. Schon auf den ersten Blick wird der Besucher merken, dass der Eingangsbereich und die Lounges sehr „instagrammfreundlich“ eingerichtet sind. Aber die tollsten Räume befinden sich hinter den Kulissen: Wir haben hier ein Podcast-Studio, in dem man eigene Podcasts herstellen, von uns produzieren lassen oder alles dazu Nötige lernen kann. Wir nennen das „enabeln“, das heißt, wir versetzen Menschen in die Lage, Zukunftstechnologien selbst zu nutzen.

Außerdem haben wir eine Schule für E-Sports eröffnet, die ermöglicht, dass beispielsweise Kinder und Eltern das Thema hier gemeinsam erleben und sich weiterbilden können. Dieses Angebot kommt super an. Die Kids bekommen Gemeinschaft, können mit Profis trainieren und sitzen nicht mehr einsam Zuhause vor dem Bildschirm. In Zukunft werden wir auch den Brückenschlag zwischen den Generationen anstoßen: Wir bringen die Gamer mit Reha-Patienten einer benachbarten Klinik zusammen, damit sie durch Computerspiele ihr Reaktionsvermögen spielerisch zurückzugewinnen. So begegnen sich Menschen aus verschiedenen Welten und es kommt zu außergewöhnlicher Interaktion. Das sind Modelle, welche die Gesellschaft sonst nicht testet – und das ist das große Anliegen von Tomislav Karajica, dem Unternehmer und Investor hinter dem „Ding“.

Und was machen Sie hier?

Ich lehre und entwickle disruptive Geschäftsmodelle mit meinem Innovationshub „SQUARE“, den ich während meiner Tätigkeit als Geschäftsführer der HSBA gegründet habe. Die HSBA ist eine duale Hochschule mit 1200 Studenten und 300 Partnerunternehmen und ich war dort 13 Jahre lang CEO. In dieser Funktion war ich in allen innovativen Zentren Europas, Asiens und Amerikas unterwegs. Und natürlich stieß ich dabei auf die Frage, ob unsere 300 Partnerunternehmen in Zukunft noch existieren werden.

Dabei ist SQUARE entstanden?

Tech-Playground im Hamburger Ding. Foto: Home United

Ja, denn ich habe mit meinen Studenten Workshops und Vorträge organisiert, damit unsere Partnerfirmen zukunftsfähiger werden. Am Ende haben zahlreiche, aber zu wenige Unternehmen ein digitales Geschäftsmodell mit uns entwickelt. Unsere Studenten jedoch wurden durch dieses Projekt sehr inspiriert: 60 von ihnen hatten geniale Geschäftsideen. Um sie zu unterstützen, habe ich dann SQUARE gegründet.

Vor einem halben Jahr habe ich die HSBA verlassen und SQUARE sozusagen „mitgenommen“. Mein neuer Partner ist Tomislav Karajica, der meiner Meinung nach ein echter Innovationsführer ist, weil er drei Eigenschaften des zukunftsfähigen Business im „Hamburger Ding“ bereits perfekt umgesetzt: Er ist Entrepreneur, betreibt „Open Innovation“ und generiert Purpose, weil er direkt bei gesellschaftlichen Bedürfnissen ansetzt und Menschen anregt, in positive Richtungen zu wachsen.

Gemeinsam mit dem hier bestehenden Ökosystem werden wir mit SQUARE noch mehr Menschen in die Lage versetzen, Innovationen anzustoßen. In Kooperation mit Microsoft haben wir einen „Tech-Playground“ eingerichtet, wo man den Umgang mit allen Zukunftstechnologien lernen kann. Wir bauen hier also die Hamburger Antwort auf Silicon Valley: Eine Bildungseinrichtung der Zukunft mit viel Raum, Mentoren und Coaches – und dem Zugang zu Investor-Kapital für unsere Gründer. Wir sind Europas erster Innovationshub, der völlig neue Dinge erschafft.

Dr. Uve Samuels ist Keynote Speaker, Moderator von Workshops und Executive-Meetings zu den Themen Digitalisierung, Leadership, Entrepreneurship, Innovation, Transformation und Technologieentwicklung. Ergebnis seiner Innovationsarbeit mit SQUARE sind bis dato die Initiierung von über 60 Start-Ups und über 100 Transformationsprojekte mit Unternehmen. Die Themen globale Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung sind zentrale Leitmotive seiner Arbeit.

Mehr Infos unter uvesamuels.de

Das Interview führte Rosemarie Frühauf