Mauro del Nobile gewann mit dem Leica-Glas “Variovid Volterra” den SILMO d´Or 2019. Foto: Rosemarie Frühauf

Es klingt zuerst unglaublich: Ein Schweizer Ingenieur, mit dem Novacel schon länger zusammenarbeitet, hat auf der Basis seines Wissens aus der Akustik das Gleitsichtglas revolutioniert. Der Satz von Minkwitz gibt zwar vor, dass man Aberrationen nicht eliminieren kann. Doch mit dem neuen Design „Variovid Volterra“ gelang es, die Wahrnehmung des Trägers enorm zu verbessern.  Auf der SILMO 2019 feierte das neue Gleitsicht-Design Premiere – und gewann sogleich den SILMO D‘OR.  OPTIC + VISION bat den Erfinder Mauro del Nobile darum, die Geschichte dahinter zu erzählen.

In der Akustik verwendet man gegenläufige, gespiegelte Wellen, um Verzerrungen von Lautsprechersignalen zu linearisieren und somit merklich zu mindern. Was beim Lautsprecher klappt, muss auch beim Gleitsichtglas funktionieren, war sich Erfinder und Ingenieur Mauro del Nobile sicher. Vor mehr als einem Jahrzehnt hatte er den ersten digitalen Prozess entwickelt, um akustische Verzerrungen beim Lautsprecher von 6 Prozent auf 1 Prozent zu reduzieren. Der praktisch denkende Schweizer übertrug seine Erfahrungen aus der Akustik in Form von Berechnungen in die Augenoptik. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis daraus das revolutionäre Gleitsichtdesign „VARIOVID VOLTERRA“ von LEICA wurde.

Mauro del Nobile erzählt:

„Alles begann im Jahr 2005. Damals betreute ich die Doktorarbeit einer jungen Dame, welche die Frage behandelte, wie man mit Volterra-Reihen die Verzerrungen von Lautsprechersystemen minimieren kann. Dieses Prinzip hatte ich entwickelt und bereits patentiert – und es basierte auf den Gleichungs-Serien des berühmten italienischen Mathematikers und Physikers Vito Volterra (*1860- †1940).

Im Jahr 2005, als sie gerade mit der Doktorarbeit fertig und wir alle glücklich darüber waren, kam der Moment, wo ich meine erste Gleitsichtbrille brauchte. Ich ging also zu meinem Optiker, der auch ein guter Freund von mir ist. Und ich dachte nur: „Meine Güte! Alles scheint zu verschwimmen und nicht am richtigen Ort zu sein …?“ Kurz, ich erlebte die Probleme, die jeder Gleitsichtträger kennt.

Da ich nun Vollzeit als Ingenieur und Entwickler arbeite, konnte mein Erfindergehirn nicht anders, als sich ständig zu fragen: „Was ist hier das Problem?“ Ich fand die Verzerrungen des Gleitsichtglases einfach nicht normal.

Also sprach ich mit Prof. Theo Lasser, der 15 Jahre für ein führendes deutsches Optik-Unternehmen gearbeitet und mehr 100 Patente lanciert hatte. „Du musst ein paar Bücher lesen, um das Gleitsicht-Problem zu verstehen“, meinte er. Also las ich die Bücher zunächst aus Spaß – und kam dadurch auf neue Berechnungsansätze. Nur anderthalb Jahre später veröffentlichte ich dann mein erstes Patent in der Optik.

Da wir viel Erfahrung mit Patenten im Audiobusiness haben, die wir an große Hersteller verkaufen, wollten wir natürlich auch unser Optik-Patent an den Mann bringen. Also kontaktierten wir einige große Brillenglashersteller. Mit dem Prototyp unseres Glases bewaffnet, wollten wir ihnen nun den realen Nutzen unserer Erfindung verdeutlichen.

Sie schauten sich unser Brillenglas an und meinten: „Komisch, das funktioniert ja! Aber wir verstehen nicht, warum? Vermutlich ist Ihnen ein Zufallstreffer gelungen, der nur bei diesem bestimmten Refraktionswert klappt.“ Das heißt, sie glaubten einfach nicht, dass mein Prinzip für die industrielle Massenproduktion geeignet sein könnte.

Erschwerend kam hinzu, dass ich und meine Frau Nadjejda alleine an der Erfindung gearbeitet hatten. Und deshalb meinten die Experten: „Es ist völlig unmöglich, dass Sie alleine ein derart komplexes Problem gelöst haben!“

Damals hatten wir lediglich eine computergestützte Neuberechnung der Progression angestellt, die noch kein komplettes Glasdesign darstellte.

2009 hatten wir dann den ersten Geschäftserfolg in der Optik: Wir verkauften an den US-Konzern Corning unsere Version einer frontprogressiven Oberfläche, die bis zu 3.000 Varianten haben kann. Da es auf Erden immer komplizierter wird, je mehr erfunden wird, mussten wir dann 160 andere Patente überprüfen, um auszuschließen, dass sich unser Patent mit bestehenden Patenten überschnitt. Allein das waren vier Monate Arbeit.

Die Kooperation mit NOVACEL

Nach diesem ersten Erfolg entwickelte ich meine Berechnungs-Software weiter und widmete mich nun auch der Rückseite des Glases – also dem vollständigen Brillenglas.

2010 trafen wir dann Rüdiger Düning, den Gründer und CEO von NOVACEL. Und wir erzählten ihm von unseren Gleitsicht-Abenteuern, die wir im Alleingang unternommen hatten. Auch er konnte es zuerst nicht glauben, was wir erzählten.

Also machten wir einen Termin in Château-Thierry, dem ultramodernen Glaslabor von NOVACEL nahe Paris. Ich brachte meine Berechnungen mit, die in die dortigen Maschinen implementiert wurden. Und drei Monate später hatten wir dann das erste Glas. Das NOVACEL-Team ließ gleich 20 Varianten mit verschiedensten Refraktionswerten anfertigen. Und der technische Leiter stellte fest: „Viel besser als unser Design.“

Also verhandelten wir einen Deal und gaben dem NOVACEL-Labor unsere Berechnungsmethode. Wir sind immer noch im Prozess der Zusammenarbeit. Und heute sind wir mit „VARIOVID VOLTERRA“, das unter der Leica-Lizenz von NOVACEL herausgebracht wurde, auf einem ganz neuen Niveau angekommen.

Wie das neue Design realisiert wurde

Dieses neue Glas kam zustande, weil ich vor drei Jahren nach einer neuen Innovation suchte. Damals kam ich auf die Idee, meine alte Akustik-Methode mit den Volterra-Reihen auf die Optik anzuwenden.

Das Gleitsichtglas hat verschiedene Bereiche, in denen unterschiedliche Sehlösungen stattfinden, die verschiedene Prioritäten besitzen. Es ist unmöglich, alle diese Bereiche auf die gleiche Weise zu optimieren. Deshalb führten wir viele Experimente mit Test-Trägern durch, um herauszufinden, wie Menschen diese Sehbereiche nutzen.

Als wir die erste Gleitsicht-Berechnung mit Volterra-Serien machten, bekamen wir 50.000 mögliche Ergebnisse  – das wären 50.000 mögliche Designs gewesen! Also mussten wir einen weiteren Algorithmus programmieren, um aus dieser Fülle der Möglichkeiten die realistischen herauszufiltern.  Das war der Schlüssel zum Erfolg. Denn kein Mensch hätte die Zeit gehabt, diesen Datenberg auszuwerten.

Nach unserer Linearisierung verläuft die Progressionszone nun sehr geschmeidig. Die unerwünschten Abweichungen des Gleitsichtglases werden von uns stark minimiert: 50 bis 65 Prozent der Verzerrungen werden beseitigt, je nach Refraktionswert. Das ist kein kleiner, sondern ein riesiger Unterschied!

Und das Feedback ist erstaunlich: Leute mit neun Dioptrien haben uns berichtet, dass sie mit unserem Gleitsichtglas weniger verschwimmende Seheindrücke als mit ihrem Einstärkenglas erleben.

Zusammengefasst möchte ich sagen: Für mich als Physiker war der Lösungsansatz ganz logisch. Der Schall ist eine Welle und auch das Licht ist eine Welle, die sich lediglich durch ihre Frequenzen unterscheiden. Da sich das Problem im Reich der Wellen befand, wusste ich, dass es lösbar ist.


Mauro del Nobile und Dimitri Cahour, Technischer Leiter von NOVACEL, mit „ihrem“ Silmo d´Or 2019. Foto: Leica

Danksagung

Auch wenn die Erfindung an sich und der größte Teil der damit verbundenen industriellen Anwendung von mir kommt, möchte ich unbedingt daran erinnern, dass Industrieprodukte und -erfolge nicht ohne die „Industriellen” möglich sind, also die Unternehmer, die hinter einer Marke und deren industrieller Produktion stehen.

Im Falle des neuen Gleitsichtdesigns VARIOVID VOLTERRA arbeite ich seit drei Jahren eng mit dem technischen Leiter von NOVACEL, Herrn Dimitri Cahour, zusammen. Und die Existenz der noch jungen augenoptischen Marke LEICA EYECARE und deren außergewöhnlich hohe Produktionsqualität wurde nur möglich, weil Leica-Chef Dr. Andreas Kaufmann und Rüdiger Düning, der Gründer und Präsident von NOVACEL, diese Partnerschaft beschlossen und realisiert haben.“


V.l.n.r.: Leica-Chef Andreas Kaufman, Nadiejda del Nobile, Novacel-Chef Rüdiger Düning und Mauro del Nobile bei der offiziellen Präsentation der Partnerschaft von NOVACEL und LEICA in Paris, September 2017. Foto: Leica

So reagieren Kunden

„In fast allen Fällen sind die Probanden bereits beim ersten Aufsetzen beeindruckt. Da es so gut wie keine Verzerrungen aufweist und sehr breite Sehbereiche zeigt wirkt es wie ein Einstärkenglas. Speziell die Zwischen- und Nahbereiche werden so bezeichnet, dass man selbst in der Arbeit am Computer keinen Wechsel zu einer anderen Brille vornehmen muss. Das Volterra Glas wird von unseren Kunden als absolut unproblematisches Top Glas bezeichnet, weil es eine sehr hoher Spontanverträglichkeit hat.”

Gunter Fink, Divisional Director LEICA EYECARE

Dieser Exklusiv-Beitrag von Rosemarie Frühauf erschien in OPTIC+VISION 1, 2020.