Diplom-Ökotrophologin Ulrike Kierstein von der Zentrale für Ernährungsberatung e.V., Hamburg. Foto: Fielmann Akademie

„Möhren sind gut für die Augen“, diesen Satz hat sicher jeder schon einmal gehört. Handelt es sich hierbei um Wahrheit oder Mythos? Lässt sich eine Fehlsichtigkeit wegtrainieren? Kann das Auge Rückschlüsse auf die Allgemeingesundheit zulassen?  Mit diesen und weiteren Fragen begrüßte Prof. Dr. Hans-Jürgen Grein, wissenschaftlicher Leiter der Fielmann Akademie Schloss Plön, die Referenten und die rund 170 Gäste des 46. Fielmann Akademie Kolloquiums am 11. September in Plön.

Keine zweite Chance

Die Zellen, die Menschen das Sehen ermöglichen, seien Zellen, die sich nur einmal im Leben entwickeln. „Die können degenerieren oder bleiben, dazwischen gibt es nichts.“ Diese klaren Worte von  Prof. Dr. med. Richard H. W. Funk, Präsident der Dresden International University, verdeutlichten, welches Gewicht der Titel des 46. Kolloquiums „Gesundes Sehen“ molekularbiologisch hat. Die verwundbarsten Zellen in der Netzhaut seien die Ganglienzellen, die Photorezeptoren sowie die Zellen des retinalen Pigmentepithels. Ihr größter Widersacher sei die elektromagnetische Strahlung – je kurzwelliger, desto schädlicher. Um die sensiblen Zellen zu schützen, habe das Auge eine Reihe eigener Mechanismen. Kornea, Kammerwasser und Augenlinse absorbieren UV-A und UV-B, so dass an der Netzhaut nur noch Strahlung ab 400 nm ankomme. Auch der inverse Aufbau der Netzhaut, das bedeutet, das Licht passiert zunächst alle Schichten der Netzhaut, bevor es an den Photorezeptoren verarbeitet wird, diene als wichtiger Filter vor zu hoher Lichtkonzentration. In der Foveaola liegen die Photorezeptoren frei. Der Schutz dieser wichtigen Netzhautstelle erfolge vor allem durch das gelbe Makulapigment Lutein, erläuterte Funk.

Guten Morgen Melanopsin

Prof. Richard Funk referierte detailliert über die Photorezeptoren. Foto: Fielmann Akademie

Neben den Photorezeptoren gebe es einen weiteren lichtreaktiven Zelltyp in der Makula: spezielle Ganglienzellen, die den Sehfarbstoff Melanopsin beinhalten. Melanopsin absorbiere Licht im Wellenlängenbereich zwischen 440 nm bis 460 nm, was genau dem bläulichen Dämmerlicht am Morgen entspreche. „Durch das bläuliche Morgenlicht wird das Erwachen getriggert.“ Am Abend sorge das Hormon Melatonin, dessen Produktion zwischen 18 und 24 Uhr auf Hochtouren laufe, für Ermüdung. Der Einsatz von Blueblockern oder Kantenfiltern könne eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus bedingen. Eine vollständige Elimination der schädigenden Wellenlängen sei nicht die Lösung. Dies ist vielleicht auch gar nicht nötig, denn Forschungsergebnisse von Funk et al. zeigen, dass das Vorhandensein von ausgleichendem rötlichen Spektren einen wirksamen Schutz vor blauem Licht darstelle. „Wir nennen das blue light damaging und red light treatment.“ Diese Erkenntnis lasse sich auf die Konzeption künstlicher Lichtquellen übertragen. Das menschliche Auge profitiere von kontinuierlichen Spektren, wie sie auch das natürliche Sonnenlicht liefere.  Lichtquellen, die Spitzen in einzelnen Spektren aufweisen, wie die frühen LED-Lampen, seien „sehr grausam“ für die Zellen der Netzhaut.

Kommunikationswege des Körpers

Spätestens seit die Themen Künstliche Intelligenz und Telemedizin die Medien erreicht haben, erhält die retinale Gefäßanalyse und deren prädiktive sowie diagnostische Bedeutung für allgemeine Gefäßerkrankungen vermehrt Aufmerksamkeit. Daher sei der Zusammenhang zwischen Allgemeinerkrankungen und Auge ein dankbares Vortragsthema – wegen seines Umfangs jedoch gleichzeitig eine echte Herausforderung für den Referenten, startete Dr. rer. nat. Andreas Berke, Direktor der Höheren Fachschule für Augenoptik in Köln. Dass Allgemeinerkrankungen Auswirkungen in den Augen zeigen könnten sei der körpereigenen Kommunikation zuzurechnen. Neben der Genetik nutze der menschliche Körper vier Kommunikationsbahnen: Blutbahn, Immunsystem, Nerven sowie Hormone. Als Beispiel nannte Berke hier das bereits von Funk thematisierte Hormon Melatonin, welches durch melanopsinhaltige Ganglienzellen des Auges geregelt werde und der Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus diene. Einige wenige Organe, zu denen auch das Auge gehöre, haben eine spezielle immunologische Umgebung geschaffen, die als Immunprivileg bezeichnet werde, in denen die Immunantworten herunterreguliert seien. Die konventionelle Immunantwort schädige immer auch unbeteiligtes Gewebe, was im Auge aufgrund der eingeschränkten Regenerationsfähigkeit derjenigen Zellen, die sich nur einmal im Leben entwickeln, dramatische Konsequenzen hätte.  Dieses Immunprivileg sei Fluch und Segen gleichermaßen, so gebe es zum Beispiel fast keine Gewebeunverträglichkeiten in Folge einer Hornhauttransplantation. „Wenn Sie einen Tumor haben, kann der sich jedoch ungehindert ausbreiten.“

Die Blutbahn als Überträger

Die Blutbahn sei der wichtigste Informationsvermittler. Dazu müsse man wissen, dass das Auge das mit Abstand am besten durchblutete Gewebe im Körper sei, erläuterte Berke. Durch die Blutbahn können Metastasen, Entzündungen und Medikamente übertragen werden. Die häufigsten Metastasen in der Aderhaut stammen von Brustkrebs und Lungenkrebs. Das gravierendste Symptom sei eine Sehverschlechterung. Vor etwa zwanzig Jahren sei in Amerika etwa jeder zehnte Brustkrebsfall anhand von Sehverschlechterung diagnostiziert worden. Einen weiteren wichtigen Punkt stellen Ablagerungen dar. Das Auge habe viel bradytrophes Gewebe. „Bradytroph heißt, das sind Gewebe, die keine eigene Blutversorgung haben und die ernährt werden über Diffusion aus benachbartem Gewebe.“ Es werden ständig Stoffe angeliefert, aber nichts abtransportiert. Ablagerungen können Metalle, Fette, Aminosäuren oder Medikamente sein. Das Metall Eisen zum Beispiel sei als Ferritin Bestandteil des Tränenfilms. Immer dann wenn die ständige Tränenfilmzirkulation unterbrochen sei, wie beim Tragen von Orthokeratologielinsen, diffundiere das Eisen in die Hornhaut und lagere sich dort an.

Alles Möhre, oder was?

Auch zellerhaltende Nährstoffe und Mikronährstoffe erreichen das Auge über die Blutbahn. Einen Teil der erforderlichen Nährstoffe produziere der Körper selbst, andere müssen mit der Nahrung zugeführt werden, erläuterte Diplom-Ökotrophologin Ulrike Kierstein von der Zentrale für Ernährungsberatung e.V., Hamburg. Sie präsentierte zunächst die Ernährungspyramide der deutschen Gesellschaft für Ernährung, ein alltagstaugliches Modell, das es jedem erlaube, sein Ernährungsverhalten zu prüfen und zu optimieren. Würden alleine die Augen den Speiseplan bestimmen, sehe die Pyramide anders aus. „Karotten sind gut für die Augen, das kennen wir schon von der Oma, aber können Karotten den Augen wirklich auf die Sprünge helfen?“ Die Augen benötigen große Mengen Vitamin A. Dies unterstütze das Zellwachstum, den Aufbau von Schleimhäuten und bilde den Sehfarbstoff der Photorezeptoren: das Retinal. Möhren enthalten große Mengen an ß-Carotin, eine Vorstufe von Vitamin A. Vitamin A könne dem Körper jedoch über tierische Nahrungsmittel auch direkt zugeführt werden. Der beste Vitamin A Lieferant sei Lebertran. Aus Sicht des Auges, wäre die direkte Zufuhr von Vitamin A über tierische Nahrungsmittel die beste Option, auch deshalb, weil der Körper das lipophile Vitamin A speichern könne, ß-Carotin jedoch nicht. Einen Mangel an Vitamin A gebe es in den Industrienationen nicht. Über die Nahrung nehme der Mensch so viel Vitamin A zu sich, das er über Ressourcen für etwa ein Jahr verfüge.

Die Augen essen mit

Nach Vitamin A stünden die fettlöslichen Spurenelemente Lutein und Zeaxanthin auf dem  Speiseplan der. Beide werden als Pigment in der Makula lutea angereichert. Lutein und Zeaxanthin wirken auf zweifache Weise schützend in der Netzhaut. Sie binden einerseits freie Radikale und reduzieren auf diese Weise oxidativen Stress, zum anderen absorbieren sie kurzwellige Strahlung und verhindern so photochemische Schäden. Lutein müsse durch die Nahrung zugeführt werden. Große Mengen finden sich vor allem in grünem Blattgemüse, Zeaxanthin sei vor allem in Mais vorhanden. Auch Spurenelemente wie Selen und Zink unterstützen die körpereigenen antioxidativen Schutzmechanismen. Zink werde vom Körper nur sehr wenig benötigt, in der Ernährungspyramide des Auges spiele es jedoch eine beutende Rolle, da es in Aderhaut und Netzhaut in sehr hoher Konzentration vorliege. Der wichtige Vitamin A Lieferant Lebertran eigne sich auch um den Zinkbedarf der Augen zu decken. Als vegetarische Alternative können Nüsse verzehrt werden. Zuletzt stehen Omega-3-Fettsäuren auf dem Speiseplan der Augen. Die Netzhaut bestehe zu einem essentiellen Teil aus diesen ungesättigten Fettsäuren, die der Körper nicht selbst herstelle. Omega-3-Fettsäuren kommen vor allem in Rollmops und Wildlachs vor. Neben ausgewogener Ernährung freuen sich Körper und Augen über jene Prozesse, die durch Bewegung in Gang gebracht werden.

Sehtraining

Der Begriff Sehtraining umfasse ein breites Spektrum unterschiedlicher Zielsetzungen. Es gehe um Rehabilitation nach Schlaganfällen, um Möglichkeiten der Leistungssteigerung im Sport, um Amblyopie-, Binokular- oder Myopietraining und manchmal auch nur darum, die Brille wegzutrainieren, zeigte Ivonne Krawczyk, Dozentin an der Fielmann Akademie Schloss Plön die Vielseitigkeit des Themas auf. Die Anfänge des Sehtrainings gehen auf den Ophthalmologen Bates zurück. Er habe angenommen, dass oberer und unterer schräger Augenbewegungsmuskel die Baulänge des Auges verändern, um Objekte in unterschiedlichen Entfernungen deutlich zu sehen. Würden diese beiden Muskeln trainiert, sei eine Brille bis ins hohe Alter unnötig. Basierend auf dieser Idee entwickelte Bates ein Trainingsprogramm. Obwohl die These von Bates inzwischen widerlegt ist, werde sein Trainingsprogramm nach wie vor als Myopietraining eingesetzt. Studien haben zwei Erklärungen für den Erfolg des Trainings gefunden. Zunächst sei der Placeboeffekt zu nennen. Eine weitere Erklärung sei das Vorliegen einer Pseudomyopie, bedingt durch eine akkommodative Störung.

Konvergenzinsuffizienz

Werden Eltern in der Schule damit konfrontiert, dass ihr Kind Lese-Rechtschreibprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten zeige,  sei dies für viele oftmals gleichbedeutend mit Legasthenie oder AD(H)S. Genau diese Art von Problemen können allerdings auch durch okuläre Sehstörungen, wie unkorrigierte Hyperopie, Akkommodations- oder Konvergenzinsuffizienz verursacht werden. Die Konvergenzinsuffizienz sei mit einer Prävalenz von fünf Prozent die häufigste Ursache für derartige Probleme. Beim Aufdecktest zeige sich eine deutlich höhere Exophorie in der Nähe im Vergleich zur Ferne. Zudem weisen Betroffene einen nach hinten verlagerten Konvergenznahpunkt auf. Eine große placebokontrollierte Studie (CITT) habe zeigen können, dass ein gezieltes Sehtraining die geschilderten Probleme lindere. Gezieltes Training berücksichtige immer alle Komponenten des Binokularsehens. „Wichtig ist auch, dass dieses Training durch einen Spezialisten begleitet wird.“ Auf diesem Weg erhalte ein Kind sofortige Rückmeldung, ob die Übung richtig ausgeführt werde. Die aktuell verwendeten Trainingsverfahren stammen aus den 70er Jahren und seien für Kinder eher langweilig, so dass ein Misserfolg sich häufig auf mangelnde Motivation zurückführen lasse. Neue Ansätze diskutieren Virtual Reality Videospiele als mögliche Trainingsoption. Studien zu deren Wirksamkeit stehen aktuell noch aus. „Fazit: Wir können Fehlsichtigkeiten nicht wegtrainieren.“ Optometrisches Training eigne sich jedoch, um Konvergenz- und Akkommodationsdefizite zu trainieren. „Das ist für uns Augenoptiker eine sehr gute Nachricht.“

Das nächste Kolloquium der Fielmann Akademie findet am 23. November 2019 als Dialog vor Ort in der Augenklinik Köln-Merheim statt.