In der Antike nahmen die Menschen an, die Katarakt habe ihre Ursache in Substanzen, die aus dem Gehirn hinter die Pupille laufen und dort erstarren. Der heutige Wissenstand um die Entstehung und Entwicklung der Katarakt sowie die Möglichkeiten und die Entwicklung der Therapie waren Thema beim 45. Kolloquium der Fielmann Akademie Schloss Plön.

Trübe Aussichten?

Nur ein Drittel des Brechwertes der Augen werde von der Augenlinse geliefert, ihre Elastizität sei es jedoch, die die Einstellung auf nahgelegene Objekte erst ermögliche. Transparenz und Elastizität der Augenlinse lasse im Alter nach, die Folge sei Presbyopie und eventuell Katarakt, erläuterte Prof. Dr. Hans-Jürgen Grein, wissenschaftlicher Leiter der Fielmann Akademie Schloss Plön. Die Ursache dieses Prozesses begründe sich durch das lebenslange Wachstum der Augenlinse. Zeit unseres Lebens bilde das Linsenepithel am Äquator der Augenlinse neue Linsenfasern, die sich außen unter die Linsenkapsel legen. Durch Einwirkung von UV-Strahlung und entstehende freie Radikale komme es zu einer Entmischung des Eiweiß und Wasser in der Linse. Es entstehen wassergefüllte Bläschen. Dies führe zum Transparenzverlust und zur Entstehung der Alterskatarakt. Etwa 90 Prozent der Linsentrübungen gehen auf diesen Pathomechanismus zurück.

Kataraktformen

Üblicherweise werde die Katarakte nach der Lokalisation und der Intensität der Trübung eingeteilt. Eine Eintrübung der Linsenrinde sei bei der Hälfte aller Alterskatarakte zu beobachten. Betroffene verspürten eine deutlich gesteigerte Blendempfindlichkeit, die durch Vorhalten einer Lochblende vermindert werden kann. Bei etwa 30 Prozent der Alterskatarakte handele es sich um Trübungen des Linsenkerns. Diese Form der Katarakt schreite sehr langsam voran, erläuterte Grein. Als erstes Symptom bemerkten Betroffene oftmals eine Verschlechterung des Dämmerungs- und Kontrastsehens. Eine Verminderung des zentralen Visus werde erste spät bemerkt. „Das Besondere an dieser Form ist, dass die Verdichtung des Linsenkerns mit einer Myopiesierung einhergehen kann.“ Bei etwa 20 Prozent der Altersstare trübe die hintere Linsenschale ein, was zu einer erhöhten Blendempfindlichkeit führe. Diese schnell fortschreitende Form der Katarakt zeige sich bevorzugt zentral, was große Probleme beim Lesen zur Folge habe. Betroffene haben einen hohen Leidensdruck. „Egal welche Form der Katarakt vorliegt, die Augenlinse hat ein begrenztes Haltbarkeitsdatum“, schloss Grein.

Monofokale Intraokularlinsen

Mit etwa 800.000 Eingriffen ist der Austausch der Augenlinse eine der häufigsten ophthalmochirurgischen Operationen in Deutschland. Vor dem Austausch erfolgt die Auswahl einer individuell geeigneten Intraokularlinse. Das Portfolio reicht von klaren, monofokalen Linsen bis hin zu getönten Mulitfokallinsen. Welcher Patient für welche Intraokularlinse in Frage kommt und welche Eigenschaften die verschiedenen Linsentypen haben, stellte Jan Ole Dräger, B. Sc. Augenoptik/Optometrie, Refraktiver Manager und Teamleiter Optik des EuroEyes AugenLaserZentrums in Hamburg vor. Grundsätzlich werde zwischen Standard- und Premiumlinsen unterschieden. Bei den Standardlinsen handele es sich um sphärische Monofokallinsen. „Mit diesen Linsen kann man wenig falsch machen. Der Patient kann in einer Entfernung gut sehen, für alles andere braucht er eine Brille.“ Bei einigen Patienten bestehe jedoch der Wunsch nach vollständiger oder zumindest teilweiser Brillenfreiheit. Für diese Patienten stehen Premiumlinsen zur Wahl. Ab einem Astigmatismus von 0,75 dpt könne es sinnvoll sein, diesen mit der Intraokularlinse zu korrigieren. Für die Korrektur einer Presbyopie sei der Einsatz multifokaler Linsen erforderlich.

Multifokale Intraokularlinsen

Der Markt der Multifokallinsen sei der am stärksten wachsende. Es gebe verschiedene Systeme, die Dräger in drei Gruppen zusammenfasste. Refraktive, lichtbrechende Linsendesigns mit mehreren Brennpunkten. Diese können sowohl ringförmig, als auch sektorförmig angeordnet sein. Der Einsatz dieser Linsensysteme erfordere eine Mindestpupillengröße. Zudem müsse die Berechnung der Position äußerst exakt erfolgen, um die Zonen optimal nutzen zu können. Als zweite Gruppe der multifokalen Linsen nannte Dräger die diffraktiven, lichtbeugenden Linsen. „Diese Linsen eignen sich für Patienten, die reinkommen und sagen, sie möchten in allen Entfernungen gut gucken können.“ Ein erheblicher Nachteil diffraktiver Optiken seien jedoch die Halo-Erscheinungen, die Patienten in der ersten Zeit während der Dämmerung wahrnähmen. Zuletzt nannte Dräger die EDOF-Linsen, Linsen mit einem erweiterten Fokus. Dieser könne beispielsweise durch den Einsatz einer stenopäischen Lücke erzeugt werden oder durch den gezielten Einsatz positiver sphärischer Aberrationen. In diesem Fall werden die Randstrahlen stärker gebrochen und so die Tiefenschärfe erhöht.

Katarakt-Operation damals…

Ist die optimale Intraokularlinse ausgewählt, steht der Linsentausch an. Die Eingriffe dauern etwa 15 Minuten und erfolgen meist ambulant. Das sei jedoch nicht immer so gewesen, erläuterte Prof. Dr. Stephan J. Linke, Leitung zentrumsehstärke und Konsiliararzt an der Augenklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. 1951 steckte die Katarakt-Chirurgie noch in den Kinderschuhen. Ein Videomitschnitt aus dieser Zeit demonstrierte, wie großzügig die Hornhaut eingeschnitten und zur Seite geklappt wurde, um die Linse zu tauschen. Das Nahtmaterial erinnere aus heutiger Sicht an Paketschnur. Die Refraktionsgenauigkeit sei mangels geeigneter Messtechnik noch in keiner Weise gegeben gewesen. Die postoperative Restrefraktion habe nach der ersten Katarakt-OP bei -21 Dioptrien gelegen. Mit dem Hinweis auf das weitaus bessere Ergebnis der zweiten Operation mit einer postoperativen Restrefraktion von -15 Dioptrien, erging ein Raunen durch den Zuhörersaal. Entsprechend der Operationstechnik dauerte die Heilung deutlich länger als es heute der Fall sei. Können sich die Patienten heute nach einem Tag über den Operationserfolg freuen, blieb es 1951 zu diesem Zeitpunkt „schwarz“. Die Augen mussten für mindestens eine Woche verschlossen bleiben.

… und Operationstechniken heute

Die heute am häufigsten eingesetzte Vorgehensweise sei ein manuelles, mikrochirurgisches Verfahren mit dem Namen „Phakoemulsifikation“. Hierbei werden nach lokaler Betäubung mehrere Zugänge in einer Größe von etwa zwei Millimeter in die Hornhaut geschnitten. Zunächst werde der Kapselsack kreisrund eröffnet. Ein spezielles Gerät werde dann in die Augenvorderkammer eingeführt, mit dem die eingetrübte Augenlinse mit Ultraschallwellen zerkleinert werde. Der zertrümmerte Inhalt werde nun abgesaugt. Nach dem sorgfältigen Reinigen der Linsenkapsel, verbleibe der Kapselsack als leere Hülle im Auge, in den dann eine faltbare Intraokularlinse eingesetzt werde. 

Obwohl die Katarakt-Operation ein so häufiger Eingriff sei, verlaufe nicht jede Linsenoperation gleich. Es gebe durchaus Situationen, die für den Operateur anspruchsvoll seien, zum Beispiel, enge Pupillen, die den Blick auf die Linse verbergen, voroperierte Augen nach Hornhauttransplantation sowie irreguläre Hornhäute. „Zum Glück können wir die meisten Komplikationen inzwischen gut handhaben.“

Katarakt-Operation vorbei – was nun?

„Jetzt haben wir den Patienten operiert – was nun?“ Auch nach der erfolgten Operation haben Patienten Fragen und müssen noch eine Weile nachbetreut werden, weiß PD Dr. med, Johannes Gonnermann, Ärztlicher Leiter des Euro Eyes AugenLaserZentrums City Hamburg aus eigener langjähriger Erfahrung. Am ersten Tag nach dem Eingriff werde zunächst der Augenverband abgenommen und die verbliebenen Salbenreste entfernt, Visus, Restrefraktion und Augeninnendruck bestimmt. Anschließend erfolge die Inspektion des vorderen Augenabschnittes. Besonders spannend seien die Beurteilung des Reizzustandes des Auges und der Sitz der Intraokularlinse. Auch ein Blick auf die Netzhaut dürfe nicht fehlen. Etwa drei Prozent aller Katarakt-Operierten entwickeln in den ersten Monaten postoperativ ein zystoides Makulaödem.

Anschließend erhalte der Patient einen Medikamentenplan für die folgenden Wochen. Das Infektionsrisiko für eine Endophthalmitis sei Studien zufolge innerhalb der ersten Woche am höchsten. Prophylaktisch erhalte jeder Patient daher eine Antibiose sowie ein Cortisonpräparat, welches vier bis fünf Mal täglich getropft werden müsse. Zudem berichten Patienten nach einer Katarakt-Operation häufig über die Symptome eines Trockenen Auges. Um Augenreiben zu verhindern sei es empfehlenswert den Patienten ein Tränenersatzmittel zu verordnen.

Was kann der Patient selbst tun?

Nicht nur der Arzt trage zum Gelingen des Operationserfolges bei. Der Patient selbst, könne durch das Einhalten aller Kontrolltermine sowie die regelmäßige Anwendung der verordneten Medikamente zum Heilungsprozess beitragen. Darüber hinaus sollte in den ersten drei bis vier Wochen körperliche Anstrengung sowie Kopftieflagerung vermieden werden. Auch Wasser sollte in den ersten Tagen nach der Operation nicht in die Augen gelangen. Eine mögliche Infektionsquelle stellen nach Einschätzung Gonnermanns Taschentücher dar. Werden die Augen mit einem Taschentuch getupft, mit dem zuvor die Nase geputzt wurde, könne dies schwere Wundinfektionen hervorrufen.

Nach etwa vier bis sechs Wochen könne eine stabile Refraktion erwartet werden. Gerade bei Patienten mit Multifokallinsen stellen Autorefraktometermesswerte keine gute Basis dar. Ein subjektiver Abgleich der Ergebnisse sei unverzichtbar.

Das  Kolloquium „Katarakt“ der Fielmann Akademie Schloss Plön endete mit einer spannenden Diskussion. (rf)

Das nächste Kolloquium  auf Schloss Plön findet am 11. September 2019 zum Thema „Gesundes Sehen“ statt. Am 23. November 2019 diskutiert die Fielmann Akademie in Köln in Form eines “Dialogs vor Ort”.